„Listening to Mozart actually makes you smarter“ schrieb Alex Ross am 28. August 1994 in seinem Artikel „Listening to Prozac…Er, Mozart“ für die New York Times. Die Kunde von der Intelligenz steigernden Wirkung der Musik Mozarts entbrannte wie ein Lauffeuer und zog sich durch das ganze Land, um schließlich auch jene Grenzen zu überschreiten. Dass es sich bei der von Ross gewählten Formulierung um eine lapidare, höchst unpräzise Interpretation eines in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Artikels handelte, interessierte zu diesem Zeitpunkt nur wenig. Im Jahre 1997 erschien dann ein Buch mit dem Namen „The Mozart Effect: Tapping the power of music to heal the body, strenghten the mind and unlock the creative spirit“, dessen Autor Don Cambell im selben Zuge ein Patent auf den Begriff „Mozart Effect“ anmeldete. Die These der Intelligenzsteigerung durch klassische Musik und die damit verbundenen Studien stießen auf ein höchst empfängliches Publikum. Auch Politiker ließen sich von der Wirkungskraft der Musik überzeugen. So kam es in Teilen des Landes sogar dazu, dass der Glaube an den vermeintlichen Effekt konkrete Auswirkungen auf die Bildungspolitik einiger Staaten haben sollte. Zell Miller, der Gouverneur von Georgia, stellte im Rahmen seines Haushaltsplans einen Etat von über 100.000 $ zur Verfügung, mit dem er die Finanzierung einer Klassik-CD für jedes neugeborene Kind innerhalb seines Bundesstaates zu decken beabsichtigte. In Florida wurde den staatlichen Schulen empfohlen ihren Schülern möglichst täglich klassische Musik vorzuspielen. Fernab der Politik und Pädagogik zog selbstverständlich auch die Wirtschaft ihren Vorteil aus der populären und somit profitablen Theorie. Mozart Effekt CDs sowie zahlreiche verwandte Produkte überschwemmten in den folgenden Jahren den Markt.

Das andauernde Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft für die Auswirkungen von Musik auf das Gehirn ist bemerkenswert. Ein ständiges Hin und Her zwischen falsifizierenden und verifizierenden, teilweise stark modifizierten mehr oder minder wissenschaftlichen Studien hält das Thema seit nun fast zwanzig Jahren am Leben. Auch die bereitwillige Hingabe der Medien zur regelmäßigen Berichterstattung steuert ihren Teil dazu bei. So gibt es Schlagzeilen wie „Bach senkt den Blutdruck“, „Musik unterstützt die Wirkung von Schmerzmitteln“, „Mozart verbessert die Sehfähigkeit“ oder „Musik vermindert chronische Schmerzen und Depressionen“. Auch gerne angeführt werden geradezu albern anmutende Studien wie der sogenannte „Moozart Effect“. Der Name spielt auf das „Muh-Geräusch“ von Kühen an, da jene Studie besagt, dass Mozart-hörende Kühe eine optimierte Milchproduktion aufweisen.

Ohne die Einzigartigkeit der Musik als grundlegendes Phänomen, mit der Möglichkeit zu mannigfaltigem Einfluss, in Frage zu stellen, muss festgestellt werden, dass die Einzigartigkeit der Musik als Ursache für Leistungssteigerungen in kognitiven Bereichen nach eingehender Prüfung verneint werden muss. Dennoch bleibt sie als eine der „besten Möglichkeiten“, nämlich als ein sinnlich erfahrbares komplexes System mit Unterhaltungswert, insbesondere für die Bildung von Erwachsenen und Kindern, in meinen Augen unverzichtbar.

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