Der Ansatz, Musik und Sprache miteinander zu vergleichen, ist keineswegs neuartig. Schon viele Wissenschaftler, Philosophen und Künstler beschäftigte die Frage nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten dieser beiden grundlegenden Bereiche. So behaupteten sowohl Darwin als auch Rousseau, dass die Musik und die Sprache sich auf den gleichen Ursprung zurückführen ließen. Dabei hat sich laut Rousseau die Sprache aus der Musik ergeben. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem sogenannten „Urgesang“. Darwin dagegen hält daran fest, dass sich die Sprache zuerst entwickelte. Demnach sei die Musik eine Verschönerung der Sprache, die sich mit dem Bestreben des Reizens des anderen Geschlechts ergab. Auch fernab von der Frage nach dem Ursprung setzten sich Denker mit dem Verhältnis von Musik und Sprache auseinander. So behauptete Stravinsky, die semantische Ebene des Verhältnisses thematisierend, Musik habe, im Gegensatz zur Sprache keinerlei Möglichkeit etwas auszudrücken – erkläre sich im Gegenzuge aber selbst.

Es stellt sich die Frage nach den Gründen dieses epochen- und fachübergreifenden Interesses an dem Vergleich von Musik und Sprache. Die Antwort führt zu den Grundlagen des Mensch-seins. Betrachtet man Lebensweisen primitiver Gesellschaften, wie beispielsweise die der Ureinwohner Brasiliens, der Pirahã, fällt einem auf den ersten Blick eine Abwesenheit gängiger Konsumgüter auf. Bei genauerer Betrachtung und zunehmender Untersuchung der Sprache ergibt sich darüber hinaus, die Abwesenheit von visueller Kunst, Mythen und Wörtern für Farben. Das Zahlensystem beschränkt sich ungewohnter Weise auf unkonkrete Mengenangaben wie „viel“ und „wenig“ und kann somit als ein, nicht mit unserem Zahlensystem vergleichbares, angesehen werden.  Doch was auch immer in primitiven Gesellschaften anders sein mag oder welche vermeintlich selbstverständlichen Gegebenheiten nicht realisiert sein mögen, niemals ergab sich bei der Erforschung eines Volkes die Abwesenheit von Sprache oder Musik. Es scheint sich sowohl bei Sprache als auch bei Musik um allgemeine, kulturübergreifende Eigenschaften zu handeln, die allen Menschen gemeinsam sind.

Obwohl Sprache und Musik, wie festgestellt, als herausragende Eigenschaften des Menschen betrachtet werden dürfen, wurden beide Bereiche gängiger Weise voneinander unabhängig erforscht. Das mag seinen Sinn gehabt haben, verwehrte der Wissenschaft aber ebenso einen erst, durch den Vergleich möglichen, tieferen Einblick in die Zusammenhänge des zu untersuchenden Fachgebietes. Nicht nur Linguisten und Musikwissenschaftler können durch den Vergleich von Musik und Sprache das Verständnis ihres jeweiligen Forschungsobjektes optimieren. Forschern der Neurokognition zum Beispiel, bietet die vergleichende Forschung einen Weg zur Untersuchung basaler Gehirnmechanismen und der Art dessen, wie das Gehirn akustische Stimuli in die einzigartige menschliche Fähigkeit der Sprache und Musik transferiert.

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